Religion und die Amerikanische Linke: Eine Tradition prägender Begegnungen

Während mehr als zwei Jahrhunderte standen religiöse Menschen im Vordergrund der gesellschaftlichen Bewegungen des sozialen Wandels in Amerika. Weiße Unitarier, Quaker und die Erweckungsbewegung arbeiteten Seite an Seite mit schwarzen Methodisten und Baptisten im Kampf gegen die Sklaverei. Führende Personen der Arbeiterpartei des 19. Jhd. schärften ihre Redegewandtheit in Kirchen der Universalisten und Freidenkergemeinden. Sozialisten proklamierten am Anfang des 20. Jhd., Jesus sei wie sie Sozialist gewesen. Die hinduistische Lehre Mahatma Gandhis inspirierte die Menschen, die die Rassentrennung im amerikanischen Süden beendeten, ebenso wie die römisch-katholische Gläubige Dorothy Day (Anm.d.Übers.: Gründerin der amerikanischen Katholischen Arbeiterbewegung) und Thomas Merton (Anm.d.Übers.: amerikanischer, katholischer Schriftsteller), die eine pazifistische Spiritualität für die Gegner des Vietnamkrieges vermittelten. Diese lange Tradition lebt heute in der Occupy-Bewegung weiter, die regelmäßig öffentliche Gottesdienste und private Meditationen abhält. Dies wurde ebenfalls anlässlich der Generalversammlung 2012 der Unitarian Universalist Association deutlich, bei der Tausende vor einer Haftanstalt für die Rechte von Immigranten ohne Ausweispapiere demonstrierten. Diese Unitarischen Universalisten erklärten, dass ihr religiöser Glaube sie dazu auffordere, „auf der Seite der Liebe zu stehen“.

Dieser Vortrag untersucht die überraschenden Geschichten um die Religion und die amerikanische Linke. Besondere amerikanische Umstände, wie die landesweite Übernahme der Religionsfreiheit, machten es im Vergleich zu vielen anderen westlichen Gesellschaften für Gläubige einfacher, den sozialen Wandel in den Vereinigten Staaten voranzutreiben,. Als Konsequenz andererseits entdeckte die amerikanische Linke eine Wahrheit, die auch in jeder anderen Kultur erlebt wird: wenn Menschen in inniger Begegnung aufeinander treffen, erfahren sie in ihrem Mühen um Freiheit, Gleichheit und Gemeinschaft einen flüchtigen Blick auf das Göttliche, der ihnen die Kraft gibt, beides zu verändern – sich selbst und ihre Welt.

Vortragender: Prof. Dan McKanan, Harvard Divinity School

Kurzbiographie: Dan McKanan ist Inhaber der Ralph Waldo Emerson Unitarian Universalist Professur an der Harvard Divinity School. Er forscht zu Religion und sozialen Wandel in den USA und ist Autor von vier Fachbüchern. Sein kürzlich erschienenes Werk Prophetic Encounters: Religion and the American Radical Tradition (Beacon, 2011) (Prophetische Begegnungen: Religion und die Tradition der Amerikanischen Radikalen), wurde mit dem Melcher-Preis 2011 der Unitarian Universalist Association ausgezeichnet.