Von Emerson zu Schweitzer … und weiter?

Das Thema weist auf eine Entwicklung hin, die sich bei den Unitariern vollzogen hat und die möglichweise weiter fortschreitet. Tatsächlich entwickelt sich die Menschheit aufgrund der unübersehbaren Fülle von Verschaltungsmöglichkeiten in den menschlichen Gehirnen. Jede Kulturstufe setzt einen bestimmten Bewußtseinszustand voraus, der in den neuronalen Verschaltungen der Gehirne der Kulturträger manifestiert sein muß und die in deren Kindheit und Jugend zu erwerben sind, damit eine Kultur erhalten und weiterentwickelt werden kann. Diese Kulturstufen lassen sich anfänglich als eine mythische  und eine darauf folgende Phase eines unterwürfigen Bewußtseins unterscheiden, in der die Offenbarungsreligionen nacheinander entstanden sind.

Die nachfolgende Phase der Aufklärung bringt Auseinandersetzungen mit den Offenbarungsreligionen mit sich, in die Emerson hineingeboren wird. In seinem frühen Essay Nature entledigt er sich vehement jeder Form von Unterwürfigkeitsbewußtsein. Dies führt mit der Aufklärung zu einem sich stetig ausbreitenden Individualitätsbewußtsein in Nordamerika und in Europa verbunden mit einem zunehmenden wissenschaftlichen Fortschrittsglauben bis heute. Diese Entwicklung vermindert die Gemeinschaftsfähigkeit der Menschen. Eine innere Isolation und das zunehmende Gefühl der Sinnlosigkeit verbreiten sich. Emerson weist nicht nur auf diese Gefahren hin, sondern zeigt auch auf, wie durch seinen unitarischen Glauben an die Oversoul (unpersönliche Überseele) diesen Gefahren sinnstiftend begegnet werden kann, daß die unitarische Überzeugung  der Einheit allen Seins in allen Lebensbereichen glückhaft erlebt werden kann.

Albert Schweitzer wächst bereits in die Zeit der zunehmenden Individualisierung und Vereinzelung der Menschen hinein, in eine Zeit, die er als Zeit des Kulturverfalls erlebt, der durch den Verlust an tragenden ethischen Werten und sinnvollen Orientierungen ungebremst fortschreitet. Die Veräußerlichung des menschlichen Lebens, die durch die verlorengegangene Überzeugungskraft der traditionellen Sinnstiftungssysteme bewirkt wurde, läßt sich für Schweitzer nur durch eine Verinner-lichung des ethischen Bewußtseins überwinden, das die Ehrfurcht vor allem Leben beinhaltet.

Die weitere Entwicklung der menschlichen Bewußtseinsformen deutet Schweitzer bereits mit seiner schon früh gefundenen Aussage an: “Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.

Dies ist ein neues Bewußtsein, der grundsätzlichen Verbundenheit allen Lebens, wie es von Emerson bereits theoretisch gedacht, aber von Schweitzer gelebt wurde. In den grundsätzlichen Relativismus, der dieses unitarische Denken durchzieht, wird künftig ein Bewußtsein der gegenseitigen Abhängigkeit Stabilität der Werte hineintragen können, da stabile Ganzheiten nur durch gegenseitige existentielle Abhängigkeiten schon in der Natur hervorgebracht werden. Dies gilt von der Molekülbildung bishin zur Willens- und Bewußtseinsbildung von Tier und Mensch und den kulturellen Lebewesen, als welche alle menschlichen Gemeinschaftsformen anzusehen sind. Das unitarische Streben nach friedlichem Zusammenleben von natürlichen und kulturellen Lebewesen könnte durch die Heranbildung eines Bewußtseins der gegenseitigen Abhängigkeit unserer Denk- und Lebensformen zielführend werden

Vortragender: Prof. Wolfgang Deppert, Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft

Kurzbibliographie:Jahrgang 1938, Schlosserlehre, Studium des Maschinenbaus und der Physik, Assistent im Philosophischen Seminar der Universität Kiel, 1975 Promotion in theoretischer Elementarteilchenphysik, Habilitation in Philosophie über den Zeitbegriff,

Von 1991 bis 2004 nahm er neben seinen Lehrverpflichtungen an der Kieler Universität einen Lehrauftrag an der Musikhochschule Lübeck wahr. Auf Initiative von Professoren der Karl-Marx-Universität Leipzig lehrte Deppert vom Wintersemester 1991 bis einschließlich Sommersemester 1993 Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Leipzig.  In dieser Zeit auch Vorlesungen und Seminare am Institut für Sozialökologie an der Humboldt-Universität in Berlin. 1995 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ernannt. Im Sommersemester 1995 war er Gastdozent am Soziologischen Institut der Karl-Franzens-Universität Graz. Neben seiner Lehrtätigkeit am Philosophischen Seminar der Universität Kiel wurde er im Sommersemester 1996 zum Mitglied des Lehrkörpers des Graduiertenkollegs „Integrative Umweltbewertung“ des Ökologie-Zentrums der Universität Kiel berufen. Deppert hat an der Universität Kiel diverse interdisziplinäre Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, darunter den Arbeitskreis für interdisziplinäre Forschung und Lehre, die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Die SE-Problematik“ oder den Sokrates-Studien-Organisationsverein. Seit 2003 ist er pensioniert. 2005 wurde er zum Gründungsrektor des Sokrates-Universitäts-Vereins e. V. gewählt.

Seit vielen Jahren ist Deppert bei den Deutschen Unitariern aktiv. Er war Leiter des Geistigen Rates der Deutschen Unitarier, hat in Kiel die Regionalgruppe des Hilfswerks der Deutschen Unitarier (HDU) gegründet und ist jetzt Gemeindeleiter der Deutschen Unitarier Kiel.