Wir sind viele. Über eine Denkfigur bei Goethe, Emerson und Whitman

Sowenig sich Johann Wolfgang Goethes Einfluss auf Ralph Waldo Emerson unterschätzen lässt, so zentral ist die Bedeutung Emersons für Walt Whitman. Die Genealogie der gegenseitigen Rezeption lässt sich aus den Werken selbst nachvollziehen, wobei als gemeinsamer Grundgedanke eine spezifische Konzeption von Vielstimmigkeit ins Blickfeld gerät. So bezieht sich Emerson zur Darstellung des Verhältnisses der zugleich individuellen wie universellen Beschaffenheit der Welt und des Menschen explizit auf Goethe und dessen berühmte Selbstbeschreibung als ein „Kollektivwesen“ – „an aggregation of beings taken from the whole of nature‚. Diese Weltbeziehung des Dichters spiegele sich im dichterischen Werk Goethes wider, so Emerson in seinem Essay Goethe; or, the Writer (1850), ja es entstehe geradezu „by reason of the multitude.“ Damit allerdings ist ein Begriff genannt, der zugleich eine zentrale Stellung im Werk Walt Whitmans einnimmt: Das Sprechen eines Kollektivs durch den Einzelnen hindurch wird im „Song of Myself“ ausdrücklich besungen, der als Teil der „Leaves of Grass“ (1855) grundlegend auf Emersons Denken aufbaut: „I am large, I contain multitudes.“ Mein Vortrag wird diese gemeinsame Denkfigur im Werk Goethes, Emersons und Whitmans unter Berücksichtigung der jeweiligen Umdeutungen und Funktionalisierungen nachzeichnen.

Vortragender: Dr. Kai Sina, Universität Göttingen

Kurzbiographie: Studium der Neueren deutschen Literatur- und Medienwissenschaft, Mediävistik und Philosophie in Kiel; Promotion in Göttingen mit der Studie „Sühnewerk und Opferleben. Kunstreligion bei Walter Kempowski“; seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Philologie (Lehrstuhl Prof. Detering).